Abstracts 2005

Die Berliner Volksbühne im Feld des Theaters nach Bourdieu
Tanja Bogusz (Berlin)

Die von Pierre Bourdieu postulierte Bedeutung der “permanenten Revolution“ als feldstrukturierendes Moment der Moderne trifft im Feld des Theaters auf spezifische Gegebenheiten, in denen der wirtschaftliche Druck mit dem notorischen Zwang zur Innovation in fast schizophrener Weise oszilliert. Die herausragende Position der Volksbühne als Taktgeber komplexitätssteigernder Ästhetikformen im Feld des Theaters wird heute von einer Semantik der Krise begleitet, die sowohl in den Medien als auch von den Volksbühnen-Akteuren selbst ausgerufen wird. Zugleich behauptet die Institution Volksbühne als Ort „stabilisierter Spannung“ mit ihren feldübergreifenden Interventionen seit dreizehn Jahren ihre Autonomie durch die Artikulation von kulturellen und politischen Interdependenzen. Insofern bietet sie eine Orientierungsgröße für den von den Veranstaltern postulierten Wunsch nach feldübergreifenden Räumen, in denen sich Kunst und Wissenschaft praktisch annähern. Dieses Modell hat, wie in Berlin deutlich, auch schon Schule gemacht. Inzwischen kann man von einer Demokratisierung auratischer Wahrnehmungsprozesse sprechen. Und das mit einem Intendanten, dessen DDR-Geschichte ein wesentlicher Faktor für die Schärfe seines Blickes auf die Nach-Wendezeit war. Im Abendvortrag soll anhand dieser Fragen der aktuelle Stand meiner Dissertation und Feldforschung über die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin präsentiert werden.

Die Wunschmaschine. Barrikaden vom Mittelalter bis zur Moderne
Olaf Briese (Berlin)

Der Vortrag stellt, verbunden mit der Frage nach der Bedeutung symbolischer Realitäten, materielle und symbolische Realitäten von Barrikaden der jüngeren europäischen Geschichte vor. Unter anderem auch mit Bezug auf den ausgewiesenen Barrikadenstandort Dresden entfaltet er folgende drei Thesen. Erstens: Barrikaden sind Imaginationskonstrukte. Sie gewinnen ihren Gehalt vor allem in medialen Strategien. Nicht daß es Barrikaden de facto nicht gegeben hat und gibt. Aber als solche waren und sind sie flüchtige Momenterzeugnisse, Produkte plötzlicher Energieausbrüche. Umgekehrt proportional zu dieser Kurzlebigkeit verhält sich aber ihr geradezu übermächtiges mediales Nachleben. Damit verbunden ist eine zweite Besonderheit. Barrikaden – militärstrategisch in der Regel völlig nutzlos, weil der Kampf um sie stets nur immer der Kampf um den ausgeschobenen Rückzug ihrer Verteidiger sein kann – sind Institute von physischer Anerkennungsakkumulation. Sie inszenieren, gleichsam wie auf einer Bühne, augenfällig bloße physische Subjekte. Drittens bündeln Barrikaden die ebenso abstrakten wie komplizierten Sozialverhältnisse der Moderne. Sie schaffen konkrete Freund-Feind-Verhältnisse und reduzieren das komplexe Gefüge der Moderne auf den vormodernen physischen Kampf. Zusammengefaßt: Barrikaden sind ebenso mythische wie mythenfähige Aggregate zur Bündelung von Sozialenergien und zur Produktion sozialer Identität, sie waren und sind eine faszinierende Projektionsfläche.

Atempause des Krieges oder friedenstiftende Maßnahme – der medialisierte Waffenstillstand
Martina Dlugaiczyk (Aachen)

Das Ziel eines jeden Waffenstillstandes ist es, einen Zustand der Sicherheit als Voraussetzung für eine friedliche Streitbeilegung zu schaffen. Das friedvolle, gleichwohl zu den Kriegsverträgen zählende Provisorium stellt somit ein probates Mittel der Konfliktbewältigung dar. Der kunsthistorische Beitrag widmet sich der Medialisierung des Waffenstillstandes als friedensvorbereitende Maßnahme. Auf eine allgemein gehaltene Einführung aufbauend, soll der Zwölfjährige Waffenstillstand von 1609, abgeschlossen zwischen den Spanischen Niederlanden und den Generalständen, explizit in den Blick genommen werden. Aufgrund der Quellenlage bietet sich hier die Möglichkeit, das Entstehen und die Funktionsweise eines Medienereignisses in der Frühen Neuzeit anhand von historischen Öffentlichkeiten und Kommunikationsprozessen aufzuzeigen. Es wird sich feststellen lassen, daß die Bildmedien nicht nur zum Spiegel der Ereignisse, sondern selbst Agenturen des politischen Handelns waren und dadurch das soziale Ereignis-Wissen erheblich geprägt haben. Zudem soll das ‚Ringen’ um eine symbolträchtige Visualisierung eines Zustandes, der zwischen Krieg und Frieden angesiedelt ist und beide Konditionen in sich trägt, exemplarisch vorgestellt werden. Denn auf der Suche nach kongruenten, schnell erschließbaren Sinnbildern für den Waffenstillstand – zahlreiche Bildmotive haben experimentellen Charakter, treten nur ein einziges Mal in Erscheinung und veranschaulichen, daß die Grenzen abgetastet wurden, was einer bildlichen Form an Gedankengut zugemutet werden konnte – kamen schließlich tradierte Figuren zum Einsatz, die auf das politische Ereignis hin aktualisiert und modifiziert wurden. Darüber hinaus läßt sich die ungeheure Bedeutung der Bild- und Textmedien daran ablesen, daß alle am Zustandekommen des Zwölfjährigen Waffenstillstandes beteiligten Parteien, Gruppierungen und historischen Persönlichkeiten beider Landesteile, nachdem sie eine gemeinsame Symbolsprache für den Waffenstillstand entwickelt hatten, eben diese für ihre eigenen Zwecke genutzt haben, um für ihre Positionen und Ansichten werben oder Gegner diffamieren, Identifikationen entwerfen oder infrage stellen zu können. Der Beitrag möchte demnach anhand des medialisierten Waffenstillstandes von 1609 die Strategien der Eindämmung und Kanalisierung von Gewalt und Krieg, Inszenierung von bild- und textimmanenter Befriedung, die in eine Tatsächliche übergeht sowie den Bereich Wirkung und Funktion der Medien und das spezielle Verhältnis zwischen Produzent und Rezipient aufzeigen. Die 1609 entwickelte Ikonographie des Waffenstillstandes erlangte keine Allgemeingültigkeit, aber bestimmte Bildelemente – wie z.B. der abgenommene Helm bei beibehaltener Bewaffnung als Symbol des Waffenstillstandes – haben bis in die Gegenwart Bestand. Hierdurch offenbart sich die Relevanz des Themas für die Gegenwart.

Sudetendeutsche Jugendbewegung in der Tschechoslowakei 1918 bis 1933 – von der völkischen zur volkspolitischen Erziehung
Tomas Kasper (Liberec)

Das Phänomen der sudetendeutschen Jugendbewegung gehört zu den bis jetzt nur wenig offen diskutierten Themen, obwohl die politischen Ereignisse in der Tschechoslowakei 1938 bzw. 1939 teilweise als ‚Kind’ der ‚jugendbewegten’ sudetendeutschen Aktivitäten zu lesen sind. Es wird die Verwurzelung der nationalen Semantik in den sudetendeutschen reformorientierten Jugendbünden, die Verlagerung vom völkischen Erziehungskonzept zum gesellschaftlich „engagierten“ volkspolitischen Programm jugendbewegter sudetendeutscher Erzieher thematisiert. Aus deren Kreisen formierte sich vornehmlich das, was als Ergebnis der sudetendeutschen Einheitsbemühungen bezeichnet werden kann: Henleins Sudetendeutsche Heimatfront, die vor den Parlamentswahlen im Jahre 1935 zur Sudetendeutschen Partei wurde. Die Bildung des Konzepts der volkspolitischen Erziehung wird anhand der Entwicklung der zwei bedeutendsten sudetendeutschen Jugendbünde (des Sudetendeutschen Wandervogels und des Deutschen Turnverbandes in der Tschechoslowakei) in der Zeit von der Staatsgründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 bis zur Entstehung der Sudetendeutschen Heimatfront im Jahre 1933 analysiert. Es wird der Frage nachgegangen, warum nach der Gründung der Tschechoslowakei das völkische Erziehungskonzept einer starken Modifikation unterzogen wurde. Im Zentrum des Forschungsinteresses stehen Fragen danach, wie die sudetendeutschen Reformerzieher auf die neue politische und gesellschaftliche Situation reagierten, insbesondere welche neuen Strategien und Aspekte entwickelt wurden, von wem, mit welcher Intention und welche Argumentationsmuster verwendet wurden. Die Hauptthese ist, dass der volkspolitische Erziehungsstil als eine Antwort auf die wahrgenommene nationale „Bedrohung“ der Sudetendeutschen im neuen Staat zu verstehen ist, als ein Ausdruck der volkseinheitlichen sudetendeutschen Bemühungen. Die ‚neue’ Erziehung hatte sich die Einigung aller Sudetendeutschen in der sudetendeutschen Volksgemeinschaft zum Ziel gesetzt, und sollte, gerichtet auf ein überpersönliches Ideal, zur gesellschaftlichen und politischen Neuordnung in Volk und Staat führen. In diesem Sinn ist sie als ein Weg zur „Erneuerung des Sudetendeutschtums“ durch Bildung eines „sudetendeutschen Stammeskörper“ bzw. als eine Erziehung „des neuen Menschen“ zu verstehen. Der Identitätswandel bzw. die verschärfte Ethnisierung der kollektiven Identität nutzte dabei einerseits viele Denkmuster und Inhalte aus der Tradition der nationalen Debatte der böhmischen Deutschen des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, andererseits wurden ein neues Selbstverständnis („die Sudetendeutschen als lebensbedrohte Volksgruppe“) und neue Fremdbilder entwickelt. Die sudetendeutsche Jugendbewegung in den Jahren 1918 – 33 stellt damit ein Beispiel einer für volkspolitische Ziele instrumentalisierten Erziehung dar, die stark antidemokratische Züge aufwies.

Die sonderbare Leerstelle im Herzen Europas: Institutionelle Mechanismen und Leitideen im Rat der Europäischen Union
Jakob Lempp (Dresden)

Wenn man die Menschen in Deutschland fragt, was sie glauben, welche politische Ebene und welche politischen Organe ihr Leben am stärksten beeinflussen, dann bekommt man seit Jahren verlässlich das gleiche Bild. Es sind die Bundesregierung, mit Einschränkungen auch der Bundestag und vielleicht die Landesregierungen, die unser Leben maßgeblich beeinflussen. Die Europäische Union spielt nach wie vor eine geringere Rolle. Das Problem bei dieser Einschätzung ist, dass sie falsch ist. Und fragt man nach danach, welche konkreten Institutionen in Europa denn Einfluss auf das Leben der Europäer haben, dann wird seit Jahren verlässlich geantwortet: Das Europäische Parlament, die Europäische Kommission und die Europäische Zentralbank. Das Problem bei dieser Einschätzung ist ebenfalls, dass sie falsch ist. Tatsächlich ist es nämlich der Rat der Europäischen Union, der im Zentrum des europäischen Institutionengefüges steht. Und an dieser Institution ist einiges merkwürdig: Der Rat ist nämlich nicht nur mächtig und weitgehend unbekannt, er ist auch seit seiner Gründung geprägt von ambivalenten und widersprüchlichen Leitideen. Handelt es sich dabei um ein intergouvernementales Forum, in welchem die nationalen Regierungen ihre Interessen aushandeln, oder ist der Rat inzwischen ein europäischer – supranationaler – Akteur mit eigenen institutionellen Interessen geworden?

Lokale Identifikation als Potential für schrumpfende Städte?
Ralph Richter (Leipzig)

Schrumpfende Städte sind gegenwärtig ein viel diskutiertes Phänomen. Für die Sozialwissenschaften besitzt das Thema besondere Relevanz, weil die schrumpfungsbedingte Abwanderung von Menschen sozial selektiv ist. Betroffene Städte werden so zur Ursache sozialer Ungleichheit. Die Frage stellt sich, wie Entscheidungsträger auf die unerwünschte Entwicklung reagieren können, wenn ihnen dafür keine wirtschaftlichen Mittel zur Verfügung stehen. Seit der ersten Krise westdeutscher Städte in den 70er Jahren werden in den Sozialwissenschaften deshalb verschiedene Möglichkeiten diskutiert, die auf die Aktivierung von Stärken und Besonderheiten von Städten und ihren Bewohnern zielen – man spricht von der Aktivierung des endogenen Potentials dieser Städte. Als solches gilt in der öffentlichen Diskussion auch die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt. Es wird angenommen, dass eine positive Einstellung zum Wohnort zu ortsbezogenen Handlungen führt und die Abwanderung von Menschen verhindert. Die zentrale Frage lautet: Wirkt unter Schrumpfungsbedingungen lokale Identifikation positiv auf ortsbezogenes Verhalten? In der soziologischen Forschung gibt es zwei Ansätze, die bezüglich dieser Frage zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Zum einen handelt es sich um die Loyalitätstheorie von Albert O. Hirschman, der zufolge die Frage bejaht werden müsste. Weniger zuversichtlich stimmen demgegenüber die Ergebnisse der sozialpsychologischen Einstellungsforschung. Diese postuliert eher einen schwachen Zusammenhang zwischen Einstellungen und Verhalten. Beide Ansätze sollen erläutert werden. In der Diskussion soll es darüber hinaus um die Frage gehen, welche alternativen „Faktoren“ die Bereitschaft zu ortsbezogenem Verhalten beeinflussen.

Der totale künstlerische Raum – Vom Sternenkind zum Cyberspace
Heiko Schmid (Karlsruhe)

Ausgehend von einer Gegenüberstellung des Filmes „2001: Odyssee im Weltraum“ mit den Theorien und Bildern der Künstler Kasimir Malewitsch und Otto Freundlich soll die vom Film wie von den Künstlern proklamierte Vision einer zukünftigen menschlichen Existenz beschrieben werden. Hierbei interessieren besonders Übereinstimmungen wie beispielsweise die Arbeit mit der künstlerische Abstraktion oder das Theorem der „vierten Dimension“ und dessen visuelle Umsetzungen. In der Konfrontation von Filmausschnitten, Bildern (Dias) sowie Textausschnitten sollen konstitutive Momente einer idealisierten Wirklichkeitskonzeption herausgezeichnet werden, welche als Vision grundlegend für die bearbeiteten Werke sind. Eine Vision deren Ausstrahlung anschließend bis in jüngste kulturelle und technologische Entwicklungen wie z.B. den „Cyberspace“ nachgezeichnet wird.

Slawische Wechselseitigkeit in der Musikkultur der Sorben und Tschechen 1848 – 1948. Gemeinsame Musikgeschichte der Lausitzer Sorben und Tschechen
Viktor Velek (Benešov/ Brno/ Wien)

Die Problematik der nationalen Minderheiten und kleiner Völker in Europa gehört im Zusammenhang mit der Erweiterung der EU und der Globalisierung zu den aktuellsten Fragen. Die sorbisch- tschechische Musikgeschichte ist neues Herangehen in die politisch-kulturelle Beziehungen des Dreiecks „Sorben – Deutsche – Tschechen“. Obwohl die Sorben zu den westlichsten Westslawen gehören, beschäftigen sie sich seit der Entstehung der modernen Völker vielseitig mit eigener Nationalidentität, und ihre Geschichte hat sowohl deutsche, als auch tschechische (slawische) Dimensionen. Es werden die ersten Kontakte beider Völker in der Zeit der ‚nationalen Wiedergeburt’ vorgestellt. Darüber hinaus wird die Zusammenarbeit der Sorben mit Dresdner Tschechenvereinen vorgestellt. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges begann eine unglaublich rege Zusammenarbeit – sie betrifft Konzertreisen bzw. das Konzertleben allgemein, Rundfunksendungen, historische Aufnahmen, Notenherausgabe, Stipendienerteilung, die Sokol-Bewegung, Übernahmen von Repertoires und Einflüssen, das Interesse seitens der tschechischen Musikwissenschaft, die Eingliederung der sorbischen Gesangvereine in die Tschechische und Panslawische Gesanginstitutionen. Der Vortrag wird um Beispiele der historischen Musikaufnahmen und um Projektion der Bilder und Fotos ergänzt.

„Dem Volk der Dichter und Denkes“ oder: Brechtsche „Wendungen“ für ein brauchbares Intellektuellenbild
Laura Wilfinger (Weimar)

Wo Brecht, der Stückeschreiber, in der ersten Publikation seiner literarischen „Umfunktionierungs-Versuche“ (1930) eine Reihe „Geschichten vom Herrn Keuner“ ankündigt, begegnet dem Leser anstatt buntem Lesevergnügen eine seltsam farblose Gestalt, ein „Denkender“ – so wird er vorgestellt –, dessen einzig wahrnehmbare Handlung eine sprachliche ist: Er konstatiert, erzählt, fragt – und obendrein höchst merkwürdige Dinge, die an seiner Wahrnehmung scheinbar unveränderlicher Verhältnisse zweifeln lassen. An weit weniger populärer Stelle in Brechts Werk findet sich eine diesem „Denkenden“ nicht ganz unähnliche (und im übrigen auch etwa gleichaltrige) Figur: ein „Denke“, dessen Geschichte – in den fragmentarischen Anfängen aus dem Jahr 1931 – im „Tui-Roman“ erzählt wird. Auch Denke erscheint zunächst als verschrobener „Typ“, wenngleich ihm Brecht im zeitgemäßen (Propaganda)Ton eine „Ehrenrettung“ zuteil werden läßt: als einem allzu schulemachenden Typus, der „die Grenzen der Verwertbarkeit des Proletariats“ exemplarisch (nämlich „kannibalisch“) überwunden habe. Herr Keuner, der „Denkende“, und Johann Gottlieb Denke, der Menschenfresser, sind literarische Konstruktionen, „wahrhafte“ Kunst-Figuren, die wie eine Marionette geführt werden, um auf bestimmte Funktionen des Denkens explizit hinzuweisen und dem Leser (zerr-)spiegelbildlich – gestisch – zu bedeuten: Sein und Schein lassen sich drehen und wenden, so wie es die Tuis, die gekauften und verkehrten Intellektuellen mit den Begriffen tun, um die Interessen der Herrschenden zu decken und Unrechtes zuzudecken. Die stumme Geste ist konstitutives Element jener „Philosophie der Fingerzeige“, die Brecht sich mit dem Stücke- und Geschichtenschreiben zu eigen gemacht hat. Sie liefert „praktikable Definitionen“ des eingreifenden Denkens und Dichtens, das ein „Zeigen des Zeigens“, ein intelligentes Kenntlichmachen der Manipulation (qua Verfremdung) und die Situierung in einem unauffälligen Rahmen wie dem der (gattungstypologisch unscheinbaren) Geschichte oder der (stilistisch angepaßten) Propagandaschrift mit einschließt. Der Vortrag soll die Methodik dieses uneigentlichen Sprechens anhand der als „zitierbare Gesten“ faßbaren Keunergeschichten beleuchten und die auf diesem Wege aus dem Brechtschen (Erzähl)Verhalten rekonstruierbaren Anweisungen für einen denkenden Dichtenden darstellen. Vor diesem Hintergrund läßt sich die Position des Intellektuellen zwischen „Geist und Macht“ diskutieren, ein beinahe „klassisches“ Thema, das Pierre Bourdieu wieder aufgenommen und in den Rahmen der heutigen – vorrangig ökonomischen, gleichwie globalisierten – Kräfteverhältnisse gesetzt hat. Läßt sich die geistige Autonomie von Bourdieus „beherrschtem Herrschenden“ durch den von Brecht-Keuner „kunstvoll“ angedeuteten Ausweg zum „eingreifenden Denken“ wenden? Und wie kann eine „Theorie des Denkens“ vermittelt, übersetzt, verbreitet werden, etwa im Hinblick auf Bourdieus „Internationale der Intellektuellen“?

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