Call for Papers 2006
forum junge wissenschaft II
Heimat. zwischen Lebenswelt und Inszenierung
22.11. bis 26.11.2006
„heimat,
das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder
bleibenden aufenthalt hat.“ Mit dieser Klarheit verzeichnet
das Grimmsche Wörterbuch jenen Schlüsselbegriff der Selbstverständigung
moderner Gesellschaften und bestimmt ihn in den Dimensionen des
Raums. Aber unmittelbar im Anschluß an die Erfindung’
im frühen 19. Jahrhundert finden Umdeutungen und Neukonzeptualisierungen
von Heimat statt: sie wird, ausgehend von Bestimmungen wie Geburts-
oder Aufenthaltsort, zunehmend zum „Kompensationsraum“
(Hermann Bausinger) der Moderne und zu deren Gegenmodell. Heimat’
erscheint als Reflex auf Verlusterfahrungen und erhält jene
Implikationen von Zeitlichkeit, die bis in Utopie-Konzepte hinein
ihre Gültigkeit behaupten. Der Begriff bedeutet dann eine überschaubare
(Raum-)Ordnung, die der zunehmenden Komplexität der Moderne
entgegen stehen soll; dies zeigt sich insbesondere bei den Mobilisierungsbewegungen
(bspw. der Lebensreformbewegung’) Ende des 19. und Anfang
des 20. Jahrhunderts.
Dieses Begehren nach Kompensation der Anmutungen der Moderne in
der Moderne erfährt in den 20er Jahren eine Problematisierung.
Georg Lukács' Sentenz der „transzendentalen Heimatlosigkeit“
(oder auch, was die Radikalität der Problemlage nochmals verdeutlicht,
der „transzendentalen Obdachlosigkeit“) verschiebt den
Begriff der Heimat auf eine metaphorische Ebene; Heimatlosigkeit’
erscheint als Signum seiner Zeit, oder vielmehr der bürgerlichen
Welt, und weist gleichzeitig alle Kompensationshoffnungen in der
Moderne zurück.
Das Auseinanderfallen einer als einheitlich imaginierten Welt und
der Wunsch nach einer Geborgenheit schaffenden Überdachung’
machen die Pole eines gleichermaßen historischen wie zeitgenössischen
Spannungsfeldes aus, in dem die Metapher der Heimat als Sehnsuchtsbegriff
fungiert. Der Philosoph Helmuth Plessner hat diesen Traum neuerlicher
Totalitätsstiftung quasi als Residuum einer vormodernen Haltung
apostrophiert: „Wer nach Hause will, in die Heimat, in die
Geborgenheit, muß sich dem Glauben zum Opfer bringen. Wer
es aber mit dem Geist hält, kehrt nicht mehr zurück.“
An der polaren Zuschreibung scheint sich bis heute wenig geändert
zu haben. Gilt den einen Heimat noch immer als notwendiger Hintergrund
von Identitätsstiftung, so wird er von anderen als Heimsuchung
einer längst untergegangenen Welt angesehen; schon das Denken
von Heimat scheint ihnen reaktionär zu sein. Auf jeden Fall
aber scheint sich heute das Spannungsfeld von Heimat und Heimatlosigkeit
auf die Problemkonstellationen einer Mentalitätsgegenwart
wie auch auf eine räumliche und nicht zuletzt kulturräumliche
Dimension zu beziehen. Das Mobilitätsversprechen der Moderne,
das sich alltäglich sichtbar in der rush hour ebenso wie
im Massentourismus erfüllt, hat auch einen Mobilitätsimperativ
hervorgebracht, beispielsweise bei der Arbeitssuche. Ob als unproblematische
Möglichkeit der Karrieredynamisierung oder als Zwang zur Entwurzelung
wahrgenommen – vorausgesetzt bleibt die Mobilitätsbereitschaft
allemal. Globalisierung, um einen weiteren Aspekt zu nennen, scheint
manchen als weltumfassende Kulturnivellierung. Andere sehen dies
gerade als Chance, das Fremde in das Eigene einzuarbeiten und mithin
zu bereichern; Robert Robertson hat dies in den auf Globalität
wie Lokalität verweisenden Hybrid-Begriff der Glokalisierung
gefaßt. Was man wohl deutlich sehen kann, ist, daß Heimat
nach wie vor ein Sehnsuchtsort ist, eine Vision, deren Erfüllung
Behausung verspricht, eine gemeinschaftliche oder geradezu familiale
Geborgenheit.
Das Forum Junge Wissenschaft, das in diesem Jahr zum zweiten Mal
stattfindet, will sich diesem vielschichtigen Thema widmen. Daß
Heimat ein Symbolbegriff ist, macht die Öffnung für verschiedenste
inhaltliche Besetzungen möglich. Räumlich läßt
sich Heimat auf verschiedenen Ebenen ansiedeln: vom Ackerflecken
bis zum blauen Planeten’ kann unter verschiedenen Umständen
Verschiedenes als Heimat angesprochen werden. Angebunden an Bedingungen
der Kultur dient Heimat ebenso als Projektionsfläche politischer
Besetzungen. Und in religiösen bzw. religionsphilosophischen
Vorstellungen findet sich eine letzte Heimat’, die einen ortlosen
Ort vorstellt. Mit Heimat’ soll so ein Feld aufgespannt werden,
dessen zahlreiche Dimensionen es im Rahmen des Forums auszuleuchten
gilt.
Wir schlagen drei Orientierungen vor. Diese sind selbstredend keineswegs
erschöpfend, zumal es zahlreiche Überschneidungen gibt;
sie sind Vorschläge – im folgenden kurz an einigen, vor allem
auf Deutschland bezogenen Beispielen exemplifiziert –, über
die hinauszugehen wir gern aufrufen wollen.
(1) Raum und Lebenswelt:
Räume sind die vielleicht offensichtlichsten Bezugspunkte von
Heimatgefühlen. Das Dorf, die Stadt, das Land, zunehmend vielleicht
der Kontinent machen geographische Punkte heimatbezogener Identitätsstiftung
aus. Heimat ist der Ort, wo man herkommt. Zur Raumdimension gehören
jedoch auch Natur- bzw. Landschaftsräume, man denke nur an
den deutschen Wald oder die Sächsische Schweiz. Den zahlreichen
Vereinen für Heimatschutz’, die sich um 1900 mit dem
Ziel der Konservierung des Vorhandenen gründen, liegt eine
Vorstellung von Heimat als sowohl in ökologischer als auch
kultureller Hinsicht gefährdetem Raum zugrunde. Die Wende’
von 1989 hat die Heimat vor allem als ein Regionalitätsbewußtsein
hervorgebracht, das in der Bundesrepublik bereits ab den 70er verstärkt
zu beobachten war und in den area studies ihre wissenschaftliche
ährt.
Neben der Heimat als konkretem Raum ist damit auch die Heimat als
Kulturraum angesprochen und kann bezüglich der Ordnungsmechanismen
befragt werden. Die Dichotomisierung der Verhältnisse im 19.
Jahrhundert, die in einer umfassenden Unterscheidung zwischen dem
Eigenen und dem Fremden mündet, artikuliert sich in Identitätskonzepten
wie eben dem der Heimat; dabei sind sowohl räumliche, kulturelle,
politische als auch kulturgeographische’ und identitätspolitische
Dimensionen in diesen Konzepten subsumiert. Entgegen aller inter-’,
multi-’ oder trans-’Konzepte scheinen diese eindeutigen
Zuordnungen bis heute nichts an ihrer Wirkmächtigkeit verloren
zu haben.
Die Erfahrungen vom Exil und Migration und die kulturellen Reflexe
darauf führen die Kategorien von Raum und Kunst in der Frage
nach den Orten, Verortungen oder Heimaten’ der Kultur zusammen.
Die postcolonial-studies (Homi K. Bhabha u.v.a.; jüngst Neil
Lazarus) mit den Entwürfen eines third space’ der Hybridität
sind letztlich nicht ohne deren Abstoßpunkte und Bezugsgrößen
wie Heimat, Identität und Raum zu denken.
(2) Sport
als Alltagskultur:
Die Fußball-WM 1990 – und deren Gewinn durch die deutsche
Mannschaft – lieferte einige Impulse für das freudetaumelnde
nationbuilding’ nach der Wende, wenngleich dieser Effekt
für die Konstituierung eines gesamtdeutschen Heimatgefühls
nicht von Dauer gewesen zu sein scheint. Andererseits hat nicht
nur auf der Ebene der Nation der Sport für die Heimat seine
Bedeutung: bei Olympia 2006 unterhielten einige Bundesländer
ihr eigenes Haus (Sachsen z.B. die Casa Sassonia’); auch
die bundesländerspezifischen Medaillenspiegel gehören
dazu. Und kaum ein Dorf und wohl kein Stadtteil und erst recht keine
Stadt läßt sich finden, wo nicht irgendwie organisiert
gekickt, gelaufen oder Ski gefahren wird. Welches Identifikationspotential
Sportvereine haben, läßt sich jeden Sonnabend in den
großen Fußballarenen wie auch auf den kleinen Fußballplätzen
verfolgen. Sport und -vereine schaffen ein Regionalitätsbewußtsein,
das oft Raumordnungen hervorbringt, die quer’ zu den beispielsweise
politischen stehen: die Derbys z.B. zwischen dem 1. FC Nürnberg
und Bayern München sind auch immer Derbys zwischen Franken
und Bayern.
So entwirft Sport, in kulturwissenschaftlicher Perspektive, einen
faszinierenden Identifikationsraum mit eigenen Symbolhaushalten,
Moden und (politischen) Rhetoriken. Und nicht nur Fußballvereine
(etwa Schalke 04 und Borussia Dortmund) sind Beispiele für
die identitätspolitischen Dimensionen des Sports, deren Anhänger
und Fans immer auch als Heimatsuchende erscheinen lassen.
(3) Literatur
und Kunst:
Nicht wenige, die die Popkultur geradezu apriorisch auf Subversivität
festgelegt hatten, rieben sich verwundert die Augen, als sich mit
der Erfolgswelle neuer deutscher Bands wie Mia oder Wir sind Helden
herausstellte, daß nun endlich auch in der Popmusik galt,
was in Schlager und Volksmusik schon lange zum Standard gehörte:
daß die deutsche Heimat ohne schlechtes Gewissen Gegenstand
positiver Identifikation werden konnte. Der Rapper Sido hat mit
dem Song Mein Block gleichsam einen spatial turn des HipHop vollzogen.
Texte sind nicht nur als erzählte Ordnung, sondern auch als
ordnende Erzählung zu untersuchen. Sie sind aktive Mitgestalter
historischer Identitätsbildungsprozesse. Romane wie Jana Hensels
Zonenkinder, und vor allem deren Erfolge sind dafür jüngste
Beispiele. Bildende Kunst eignet sich wohl nicht weniger, Heimatbezüge
visuell zu stabilisieren. Wer beispielsweise nach Dresden kommt,
wird kaum den omnipräsenten Bildern Bernardo Belottos, genannt
Canaletto, entgehen; der nach ihm bzw. seinen Bildern benannte Blick
ist ein Muß’ für jeden Dresden-Besucher. Auch Filme
sind an Heimatkonstruktionen beteiligt: die Heimatfilme der 50er
Jahre, die gegen die politischen Verwerfungen der Vergangenheit
und die ökonomischen Unsicherheiten der Gegenwart eine intakte,
von allen Zumutungen der Zeit anscheinend unbeeindruckte Welt setzten
ebenso wie – wenn auch auf ganz andere Art und Weise – Edgar Reitz’
mehrteiliges Filmepos oder auch die (dokumentar)filmische Langzeitbeobachtung
der „Kinder von Golzow“.
das cfp 2006 als pdf