Abstracts 2007
Wieviel
Medialität verträgt der Streit?
Youssef Dennaoui und Daniel Witte (Bonn)
Streit
fasziniert: Wer streitet, lenkt die Blicke von Zuschauern und Unbeteiligten
auf sich, der Streit selbst eignet sich ganz offensichtlich, um
weit verbreitete, voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen.
Es nimmt daher nicht Wunder, dass dem Phänomen des Streitens
unter den Bedingungen massenmedialer Kommunikation eine besondere
Rolle zukommt. Nicht nur eignet sich der Streit angesichts der Zwänge
zur Selektivität in besonderem Maße, als Aufmerksamkeitsgenerator
hohe Einschaltquoten zu sichern; vielmehr werden eigens hierfür
Formate konstruiert, die den Streit in den Mittelpunkt rücken.
Ausgehend von einer allgemeinen theoretischen Grundlage soll in
diesem Zusammenhang verschiedenen Fragen nachgegangen werden: Wie
verändert sich die Dynamik des Streits, wenn dieser vor einem
potenziellen Millionenpublikum ausgetragen wird? Wie wirkt sich
die Logik der Inszenierung und Theatralisierung des Streitens auf
dessen inneren Eigengesetzlichkeiten aus, die weit in die Geschichte
zurückreichen? Inwieweit werden somit unter den Bedingungen
seiner technischen Reproduzierbarkeit sogar völlig neue Streitformen
hervorgebracht, die einen eigenständigen Charakter aufweisen
und sich vom nichtöffentlichen Streit unterscheiden? Welche
Rolle kommt schließlich der Figur des Dritten zu, wenn dieser
(etwa als Moderator) in einem eigens auf seine Person zugeschnittenen
Fernsehformat über die Deutungshoheit und das Schlichtungsmonopol
innerhalb der Streitarena verfügt?
Der Vortrag wird mögliche Antworten auf diese und verwandte
Fragen präsentieren und so am Beispiel ausgewählter Daytime-Talkshows
ein Licht auf das symbiotische Verhältnis werfen, in dem sich
Streit und Medialität zueinander befinden.
Schlachtfeld
der Erinnerung
Streit in der Weimarer Republik
Janina Fuge (Hamburg)
Kaum
war der Erste Weltkrieg beendet, verlagerte sich die Auseinandersetzung
in Deutschland auf die innergesellschaftliche Ebene – und das „Schlachtfeld
der Erinnerung“. Die Deutung der Vergangenheit provozierte
in der Weimarer Republik einen permanenten diskursiven Dauerzustand:
Verschiedene politische Lager boten unterschiedliche Deutungen ob
der jüngsten Vergangenheit an, über die letztlich kein
gesellschaftlicher Konsens in Form eines gar allgemein akzeptierten
„Nationalfeiertages“ hergestellt werden konnte. Unter
dem Streit über ein verbindliches Identifikationsdatum erodierte
die Gesellschaft.
Insofern stellt sich die Frage: Wie viel „Streit“ braucht
ein pluralistisches System ob seiner erinnerungskulturellen Orientierungen,
um sein Strukturprinzip „Pluralismus“ zu stabilisieren
– und wo fängt Auseinandersetzung von Meinungen wiederum selbst
an, destabilisierend zu wirken?
Erörtern lässt sich diese Frage nicht zuletzt an jenem
Gedenktag, der in der Weimarer Republik auf den ersten Blick am
wenigsten kontrovers erinnert wurde: Das Gedenken der Unterzeichnung
des Friedensvertrages von Versailles, jenem Datum, das in der Folge
die „Einheitsfront von Versailles“, so Wilhelm Mommsen,
heraufbeschworen habe. Ein näherer Blick auf jene Akteure,
die sich an der Diskussion über die Deutung dieses immer wieder
als „Diktatfrieden“ apostrophierten Vertragswerkes beteiligten,
aber auch auf jene, die sich ausschlossen sowie die Art und weisen,
in denen gestritten wurde, macht deutlich: Der Streit um die Deutung
der Vergangenheit war in Wirklichkeit ein „Un“-Streit,
der keine Möglichkeit eines konstruktiven Umgangs mit der Vergangenheit
und dem Herausarbeitungen gemeinverbindlicher Orientierungen sorgte,
sondern festgefügte Trennungslinien zementierte.
Der
Zerfall eines Weltbildes
Der Investiturstreit und seine Folgen
Florian Hartmann (Rom)
„Nach
Canossa gehen wir nicht!“, rief Otto von Bismarck 1872 im Konflikt
mit der katholischen Kirche aus. Er verwies damit auf jenen Ort
in der Nähe Parmas, wo Heinrich IV. im Januar 1077 Papst Gregor
VII. drei Tage lang barfüßig im Schnee um Vergebung angefleht
hatte. Diese mit dem Etikett „Investiturstreit“ nur unzureichend
umschriebene Konfrontation hatte sich zwar auch an der Frage der
Bischofseinsetzung (Investitur) entzündet; es ging aber um
mehr: um das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst oder, modern
gesprochen, zwischen Staat und Kirche. Gegenpäpste und Gegenkönige
symbolisierten die Spaltung der Welt. Ein Zeitzeuge klagte: „Alles
ist verdoppelt, Päpste verdoppelt, Bischöfe verdoppelt,
Könige verdoppelt, Herzöge sind verdoppelt“. Zahlreiche
Texte zeugen entsprechend von der allgemeinen Verwirrung und dem
Bedürfnis nach Orientierung und Selbstvergewisserung in einer
neuen Welt. Materielle Zerstörung, der plötzliche Zweifel
an traditionellen Weltbildern und die Furcht um das eigene Seelenheil,
das durch Sakramente aus Händen potentiell exkommunizierter
Geistlicher nicht mehr gesichert war: all dies verunsicherte zutiefst
über Jahrzehnte die Menschen aller Stände, war aber zugleich
Quelle völlig neuer geistiger Gestaltungskraft und intellektueller
Kreativität.
Streit
um Organe
Torsten Junge (Hamburg/Berlin)
Die Organverpflanzung
ist auch zehn Jahre nach der Verabschiedung des Transplantationsmedi-zingesetzes
auf die freiwillige Unterstützung altruistisch handelnder Akteure
angewiesen. Strittig sind nicht nur die Vergabepraxen, sondern auch
immer noch die Konzeption des Hirntodes. Einer ‚phänomenologischen
Sichtweise’ auf Leben und Körper steht eine naturwissenschaftlich-technisch
orientierte Apparatemedizin gegenüber. Die Bearbeitung der
hier vorliegenden Konflikte sowohl der Befürworter als auch
der Gegner der Transplantationsmedizin greift auf ein essenzielles
Denkmuster von Sterben und Tod zurück. Nach Zygmunt Bauman
ist dieses Verhältnis des Denkens zum Sterben und zum Tod ein
doppelt strategisches: die erste Strategie ist um das Überleben
bemüht. Das Hinausschieben des Todes und die Verlängerung
der Lebensspanne ist ihr zentrales Anliegen. Es geht darum, „den
Tod zu einer wichtigen Sache, einem bedeutenden Ereignis zu machen
– ihn dem Profanen, Gewöhnlichen und Natürlichen zu entrücken“
(Bauman, 1994). Die zweite Seite eines rationalen Umgangs mit dem
Lebensende ist die Leugnung der Sterblichkeit, der Letztendlichkeit
und der damit verbundene Wille zur Unsterblichkeit. Diese bezieht
sich nicht auf eine fiktionale Unsterblichkeitsessenz, sondern vielmehr
auf die Erinnerung und das Im-Gedächnis-bleiben des individuellen,
persönlichen Lebens.
Folgt man diesem Denkmuster, so greift der Diskurs um die Transplantationsmedizin
auf beide Strategien zurück. Denn es geht um das Motiv des
Überlebens, das dem Konflikt um das Lebendige und Tote die
potentielle Schärfe nehmen soll. In meinem Beitrag frage ich
nach den Bewältigungsstrategien, die den Streit um das Lebendige
und das Tote begleiten. In diesen wird ein Verständnis des
Selbst konstituiert, das den Menschen, sein Fleisch und Geist’
nach einem transplantationsmedizinischen Vorbild formen.
Zwischen
Mahnern, Propheten und Beratungssolisten
Streitkultur in der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung
Nico Koppo (Bielefeld)
Auf wirtschaftswissenschaftliche
Politikberatung wird man in der Bundesrepublik meist dann aufmerksam,
wenn es zum Streit zwischen deren Anbietern und Abnehmern kommt.
Entweder wird die Form der Beratung bemängelt oder die Praxisferne
der erteilten Ratschläge. Mitunter geht es um die Beratungsergebnisse,
die die Beratenen nur selten problemlos in ihr jeweiliges Politik-
und Selbstverständnis einpassen können. Oft beschweren
sich jedoch auch die jeweils Beratenden über die Beratungsresistenz
von Akteuren aus der politischen Praxis.
Sucht man nach generelleren Erklärungen für das schwierige
(Streit-)Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik, so zeigt
sich eine überraschende wechselseitige Abhängigkeit. Während
wissenschaftlich produziertes Wissen einerseits zur Lösung
von Sachproblemen herangezogen wird, erweist es sich gleichzeitig
als wichtige und zunehmend unverzichtbare politische Legitimationsressource.
Der erstgenannte Aspekt wurde von Peter Weingart als „Verwissenschaftlichung
der Politik“ bezeichnet, der zweite als „Politisierung
der Wissenschaft“.
Vor diesem Hintergrund wird es in meinem Vortrag um die Erhellung
von gegenwärtig zu beobachtenden institutionellen Transformationsprozessen
auf dem Feld der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung gehen.
Da sich ein Legitimität bewahrender Zugriff der Politik auf
Wissenschaft allenfalls aus der indirekten Kontrolle über die
organisatorische Rahmung von beratender Wissenschaft ergeben kann,
gehe ich davon aus, dass die politische Exekutive derzeit mit verschiedenen
Formen wissenschaftlicher Beratung experimentiert. Doch zu welchem
Preis kann Wissenschaft dem Wunsch der Politik nach möglichst
eindeutigen Empfehlungen entsprechen? Welche Perspektiven bleiben
dauerhaft unterbelichtet? Und was passiert, wenn die erwarteten
eindeutigen Ratschläge im unstillbaren Streit der Experten
untergehen?
Leitkulturen
– Streitkulturen
Alexandra Ludewig (Perth)
Am Anfang
war der „Zorn“ (menis), das „erste Wort Europas“,
so sieht es zumindest Peter Sloterdijk in seiner kulturgeschichtlichen
Darstellung über Zorn und Zeit (2006) unter Berufung auf die
Ilias. Heute ist „Wut“ daraus geworden, aber auch „Verzweiflung“
und bisweilen „Hass“. Zusammengenommen tragen diese Gefühle
zu einem Zusammenbruch der zivilen Gesellschaft und ihrer humanistischen
Prinzipien bei. So stellen Filmemacher aus Frankreich, den Niederlanden
und Deutschland die Interaktion zwischen Einheimischen und Menschen
mit Migrationshintergrund dar. Frankreichs Vorstadtunruhen, der
Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh und
Diskussionen in Deutschland über Leitkultur zeigen, dass es
auf beiden Seiten Potential für Streit und Auseinandersetzungen
gibt.
Problemfilme wie Mathieu Kassovitzs La Haine (1995), Theo
van Goghs Submission (2004) und Züli Aladags Wut
(2006) sowie deren Rezeption führen vor Augen, wie der Affekt
„Zorn“ in handfeste Gewalt umschlagen kann, die nicht
systemerhaltend sondern -zersetzend wirkt, und nehmen somit Sloterdijks
Idealisierung des Zorns als Entwicklungsgarant und eigentliche Triebfeder
der Geschichte gehörig in die Pflicht. Der Vortrag wird sowohl
sozio-historische als auch filmästhetische Fragestellungen
zum Thema Leitkultur(en) als Streitfaktor berücksichtigen.
Avantgardistisch streiten
Von Dada zur Situationistischen Internationale
Max Orlich (Freiburg i.Br.)
Eines
scheint vielen Avantgarden des 20. Jahrhunderts gemeinsam zu sein:
die ausgeprägte Streitkultur. Von DADA und dem Surrealismus
über CoBrA und die Lettristen bis zur Situationistischen Internationale,
gestritten wurde viel, vielfältig und – so scheint es – häufig
auch sehr gerne. Welche Formen des Streites sind nun im Bereich
der Avantgarde im Einzelnen zu erkennen? Wo entsteht Streit und
wo kann er als beendet angesehen werden? Läßt sich dem
Streit eine besondere Funktion im Kontext der Avantgarden zuschreiben?
Bei der Untersuchung dieser Aspekte sind vier Ebenen des Streits
zu unterscheiden:
Die künstlerisch-politischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts
streiten erstens mit der sie umgebenden Gesellschaft. Zweitens kommt
es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Generationen
von Avantgarden. Drittens verlängert sich diese Streitkultur
auch auf die Ebene einer Generation der Avantgarde und äußert
sich in scharfen Abgrenzungen zwischen zeitgleich existierenden
Gruppierungen. Und Viertens ist zu beobachten, daß auch innerhalb
einzelner Gruppen der Streit eine häufig auftretende und wichtige
Umgangsform darstellt.
Streit ist auf allen vier Ebenen als eine für Avantgarden grundlegende
soziale Praxis aufzufassen. Er hält avantgardistische Gruppierung
in ihrem Inneren zusammen und ist eine ihrer zentralen Vorgehensweisen
nach außen. Er wirkt somit – im Spannungsverhältnis mit
Freundschaft – als Motor der Avantgarde. Dennoch ist zu erkennen,
daß die einzelne Gruppe letztlich versucht, den Streit sowohl
im Inneren als auch nach außen durch eine Vereinheitlichung
der Vielfalt zu entschärfen und zu beenden. Was aber passiert,
wenn die Reibungspunkte abgeschliffen sind, wenn es nichts mehr
zu streiten gibt?
Der
Kompromiss
Zur politischen Kultur der Schweiz vor 1800
Daniel Schläppi (Bern)
Im Raum
der heutigen Schweiz gelang es Gemeinden und Korporationen früh,
sich aus feudalen Herrschaftsstrukturen herauszuwinden. Seit dem
Spätmittelalter erlangten diese Personenverbände immer
grössere Unabhängigkeit in politischen Fragen. Vom 13.
bis 16. Jahrhundert rückten 13 eidgenössische „Orte“
als unabhängige Einzelstaaten zum Staatenbund zusammen. Dieser
lockere Verband zeichnete sich durch grosse Stabilität aus,
obwohl – oder vielleicht besser – weil er keine zentralistischen
Institutionen entwickelte und nie Auseinandersetzungen um die höchste
Macht im Verband der Kleinstaaten geführt wurden.
Gut eingespielte Verfahren des Aushandelns garantierten die Autonomie
der Teilglieder. Über Jahrhunderte entwickelte sich eine Kompromisskultur.
Vielfach erprobte Schiedsverfahren bewährten sich in Konfliktsituationen
als reglementierte Formen des Streits. Trotz ausgeprägter Tendenz
zur Aristokratisierung der herrschaftlichen Verhältnisse im
17. und 18. Jahrhundert nahmen die Obrigkeiten der einzelnen Orte
Rücksicht die Autonomietradition der ihnen untergeordneten
Gemeinden, die ihre Angelegenheiten selbständig regelten. Die
herrschaftlichen Hierarchien blieben flach. Offener Streit war in
diesem Regierungsmodus nicht vorgesehen. Das Modell entfaltete nachhaltige
Kulturwirkung. Die politische Kultur der frühen Neuzeit prägt
die politische Kultur der Schweiz bis in die Gegenwart.
„Guck Dich doch mal an!“
Ein Streitargument zwischen mittelalterlichem Märe und Talkshow
Silvan Wagner (Bayreuth)
Eine
beliebte Argumentationsstruktur der Streitkultur in Talkshowformaten
kann mit dem Term „Guck Dich doch mal an!“ zusammengefasst
werden: Der Hinweis auf die Defizienz des Streitgegners relativiert
die eigene Defizienz – zumindest im Vergleich mit diesem.
Diese Argumentationsstruktur findet sich auch in dem mittelalterlichen
Märe „Der Gürtel“ aus dem 13. Jahrhundert: Ein
höfisches Ehepaar ist sich einander in Minne zugetan. Die Ehefrau
sieht an einem fremden Ritter einen kostbaren und offensichtlich
magischen Gürtel und schläft mit dem Fremden, um als Belohnung
den Gürtel zu bekommen. Der Ehemann, der von dem Fehltritt
seiner Frau erfährt, verlässt diese, woraufhin die Ehefrau
auszieht, um ihren Mann wieder zurückzugewinnen. Zu diesem
Zweck verwandelt sie sich mittels des magischen Gürtels in
einen kampftüchtigen Ritter und führt eine Begegnung mit
dem Ehemann herbei. Diesem fällt ebenfalls sofort der kostbare
Gürtel ins Auge, und um ihn zu besitzen, schläft er mit
dem vermeintlichen Ritter. Daraufhin verwandelt sich die Ehefrau
wieder zurück und hält ihrem Ehemann vor, dass er mit
dem homosexuellen Verkehr sich einer viel größeren Sünde
als sie schuldig gemacht habe, um den Gürtel zu besitzen. Der
Effekt dieser Argumentation ist, dass das Ehepaar wieder glücklich
zusammenfindet und die moralische Defizienz der Frau offensichtlich
kein Trennungsgrund mehr ist.
Der Vortrag soll im Vergleich von mittelalterlicher Märe und
postmoderner Talkshow die jeweilige Funktion der Streitargumentation
herausarbeiten und damit einen kleinen Beitrag leisten zu Kontinuität
und Diskontinuität der europäischen Streitkultur.
„Im
Text-Turnier wurde keiner meiner Gegner alt“
Sängerstreit in Sangspruch und Sprechgesang
Sonja Würtemberger (Stuttagrt)
Zwei
offensichtlich völlig verschiedene Kulturen – die fahrenden
Sänger des Mittelalters und die Rapper des HipHop – wählen
den sportlich-fairen Wettkampf als Prinzip und Motor ihrer Dichtung.
Die Regeln in diesen Wettkämpfen sind klar und unumstößlich.
Wer z.B. betrügt, indem er fremde Dichtung als eigene verkauft,
muss sich als dönedieb oder biter beschimpfen lassen und wird
aus der Dichtergemeinschaft verstoßen. Hält man sich
aber als Künstler an die Spielregeln, bleibt man auch im Falle
der Niederlage Teil der kulturellen Gemeinschaft.
Was zunächst nur wie ein Streit zwischen Dichtern um die Vorrangstellung
innerhalb der eigenen „Kulturabteilung“ aussieht, verweist
aber explizit auf soziale und politische Dimensionen: Der Sängerstreit
ist somit ein im besonderen Maße literatur-soziologischer
und literatur-politischer. Denn in ihm spiegeln sich die Regeln
seiner ihn umgebenden Welt wider. Er nimmt sie auf, transformiert
und tradiert sie. Er instrumentalisiert und wird instrumentalisiert.
Dabei verwenden z.B. Walther von der Vogelweide und Torch aka Frederik
Hahn nicht nur die gleichen sprachlichen Techniken – die Form selbst
(die kunst, der style) ist oft Mittelpunkt der Betrachtung und deren
einziger Inhalt.
Keine dichterische Polemik nach dem Ende des Mittelalters hat sich
noch einmal so intensiv der sprachlichen und stilistischen Kunst
als Wettbewerbsbedingung und Waffe bemächtigt wie der Rap.
Ein genauerer Blick auf beide Dichtungstraditionen verspricht nicht
nur eine gegenseitige künstlerische Erhellung, sondern vor
allem Erkenntnis über den wichtigsten Aspekt künstlicher
Rede, ja vielleicht der Kunst schlechthin: die Form.