Call for Papers 2007
forum junge wissenschaft III
StreitKulturen
21.11.
bis 25.11.2007
Unter
Streit könnte man zunächst eine fundamentale soziale Beziehung
verstehen. Mindestens zwei Individuen oder auch soziale Gruppen
setzen sich mit verbalen und/oder physischen Mitteln auseinander
– miteinander oder auch gegeneinander. Die Auseinandersetzung ist
demnach zum einen ein Ereignis der Differenzierung, zum anderen
verfolgen Streitende nicht selten Strategien der Vereinheitlichung.
Es wird versucht zu überzeugen, andere auf Linie
zu bringen, in eine bestimmte Richtung zu drängen oder, in
der Absolutsetzung der Differenz zum Schweigen zu bringen, auszuschließen
und damit implizit eine Einheit (mit sich Selbst) zu forcieren.
Streit ist also nicht nur eine soziale Beziehung, sondern zielt
immer auch auf die Reproduktion oder die Transformation von sozialen
und politischen Ordnungen. „Streit [polémos] ist aller
(Dinge) Vater, die einen erweist er als Götter, die andern
als Menschen, die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu Freien,“
formulierte Heraklit und schrieb mithin dieser konfliktuellen „Vergesellschaftungsform“
(Georg Simmel) die grundsätzliche Bedeutung einer Voraussetzung
und Bedingung des menschlichen Zusammenlebens und gesellschaftlicher
Ordnung zu. So gefasst, eröffnet sich eine Reihe von Fragen:
Was sind die Voraussetzungen von Streit? Wie entsteht er? Wer darf,
wer kann sich streiten? Wer ist vom Streiten ausgeschlossen? Wie
wird gestritten? Mit welchen Mitteln versucht man, den anderen,
die anderen zu bewegen, ihre Positi-on aufzugeben und die eigene
anzunehmen? Worin liegt der Reiz des Streitens? Gibt es einen Eigenwert
des Streits, einen Streit um des Streits willen? Gibt es einen Streit
der bzw. um Werte oder ist nicht gerade der Wertebezug das Ende
eines jeden Streits?
Mit StreitKulturen soll im forum junge wissenschaft
über die skizzierten sozialen Aspekte hinaus die spannungsreiche
Beziehung von Streit und Kultur in den Blick
genommen werden. Die kulturellen und sozialen Dimensionen sind hierbei
nicht oppositionell sondern vielmehr als (produktiv) auf einander
verwiesen gedacht.
Zum einen soll nach den verschiedenen kulturellen Ausformungen des
Streits gefragt werden; dies einerseits in historischer, andererseits
in kulturell vergleichender Perspektive. Gezielt wird auf eine Synopse
von Streitformen, von Streitkulturen. Damit eröffnet sich ein
Feld, das sich beispielsweise vom Streit als Methode der Philosophie
(auch in deren philosophiegeschichtlicher Nähe zur Gerichtsrede),
über den Sängerstreit, über Polemiken und Dichterstreit(e)
der Literaturgeschichte, wissenschaftliche Auseinandersetzungen
(wie den Werturteilsstreit in der Soziologie oder den Historikerstreit)
bis hin zu Formen des Wettstreits – also die an jeweils spezifischen
Kriterien orientierte Kür des oder der Besten,
sei es nun im Sport, sei es als Wettstreit der Medien oder der Künste
(bspw. im Paragone) – erstreckt. Im Sinne von Generationskonflikten
wäre Streit auch als Widerstreit zwischen den Vorgaben der
kulturellen Tradition und den Entwürfen kultureller Innovationen
fassbar. Es lassen sich „kulturgeschichtliche Innovationsrhythmen
und -zyklen“ (Alexander Honold) erkennen; die Akteure solcher
Streitformen betreiben etwa im Sturm und Drang, der Romantik oder
dem Expressionismus eine Rhetorik der Ermächtigung als ein
Streitgespräch zwischen Generationen.
Zum anderen soll es um die komplexen kulturellen Verfahren gehen,
in denen politische und soziale Formen des Streit und dessen Folgen
als Kultur gedeutet und unter den Bedingungen von Kultur verhandelt
werden. Streit könnte in diesem Zusammenhang als eine kulturell
reglementierte Form der Auseinandersetzung gefasst werden. Zu fragen
wäre, mit welchen kulturellen Verfahren Streit geregelt wird
– man könnte beispielsweise an politische Konzepte denken,
wie das Stillstellen von Streitmöglichkeiten in Diktaturen
oder die Kontroverse als Grundlage von Demokratie. Neben solchen
innergesellschaftlichen und innerkulturellen Verfahren der Regelung
des Streits sollen aber auch die interkulturellen Beziehungen in
den Blick genommen werden, die in letzter Zeit vermehrt – wenn auch
nicht unwidersprochen – mit der formelhaften Verdichtung eines Kampfes
der Kulturen beobachtet werden. Rekonstruktionen seines Verlaufs,
politikwissenschaftliche oder (kultur-) psychologische Analysen
könnten hier zu einer kritischen Bewertung beitragen.
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