Abstracts 2008

Monströse Zukunftsvisionen – Die Cyborg-Experimente des Technokünstlers Stelarc
Markus Brunner (Zürich/Hannover)

Der australische Künstler Stelarc ist eine der Ikonen des „trans-“ oder „posthumanen“ Cyborg-Diskurses. Wie kein Anderer hat er über Jahrzehnte hinweg die Möglichkeiten, den menschlichen Körper mit moderner Technologie zu verbinden, ihn als Schnittstelle/Interface zu begreifen, an seinem eigenen Körper ausgelotet. Er erkundete in waghalsigen technologischen Experimenten seine Körperfunktionen und –organe, ließ sich über zwei Dutzend Male an Haken aufhängen, erweiterte sein physisches Repertoire durch allerlei temporäre oder auch fest implantierte Prothesen und ließ seine Glieder per Computer durch andere Menschen und Roboter steuern.
Stelarcs Vision ist die Transformation des Menschen in einen den Anforderungen der modernen technischen Umwelt gerecht werdenden Cyborg. Um mit der Technik mithalten zu können, soll der Mensch einem verbessernden „Re-Design“ unterzogen werden, d.h. ausgehöhlt, verhärtet und entwässert, seine Hüllen geöffnet, schließlich mit technischen Prothesen angereichert werden.
In meinem Vortrag will ich zeigen, dass Stelarc aber gerade durch die verstörende Monstrosität seiner Körper-Inszenierungen – entgegen seinen Intentionen – die eigene Verherrlichung des technologisch zurechtgestutzten Menschen unterläuft. Diese Spannung zwischen dieser Verherrlichung und den starken Affekten, die Stelarcs Performances unweigerlich hervorrufen, macht für die ZuschauerInnen die Dialektik des Zivilisationsprozesses auf sehr unmittelbare Weise am eigenen Körper erfahrbar.

Wunderzeichen, Sensation und Forschungsobjekt – Betrachtungsweisen des
Monsters in der Vormoderne

Rosa Costa (Wien)

„Monstra“ in der Frühen Neuzeit waren andere epistemische Entitäten als moderne Monster. Sie waren zwar außergewöhnlich, aber nicht abnormal. Die Miss- bzw. Wundergeburten waren göttliche Zeichen, die in der regen Flugblattliteratur verschiedene Deutungen erfuhren. Vor dem Hintergrund der verbreiteten Endzeitstimmung im 16. Jahrhundert erfüllten die Wundergeburten eine gesellschaftspolitische Funktion, indem sie die Dringlichkeit der reformatorischen Erneuerung der Gesellschaft unterstrichen. In Debatten um die Tauffähigkeit der Monstra wurde das Wesen des Menschen theologisch und medizinisch neu definiert. Am Beispiel eines Flugblattes des Zürcher Chirurgen Jakob Ruf über eine 1543 in Schaffhausen geborene Wundergeburt werde ich in meinem Vortrag verschiedene Wahrnehmungsweisen von /monstra/ herausarbeiten. Rufs Flugblatt verdeutlicht die Spannung zwischen Prodigiendeutung und naturkundlichem Forschungsinteresse und zeigt die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Erklärungsansätze im Denken des 16. Jahrhunderts auf. Ruf zieht humoralpathologische Zeugungs- und Imaginationstheorien ebenso wie astrologische Berechnungen, religiöse Deutungen und gesundheitspolitische Missstände heran, um die Entstehung der Schaffhauser Zwillinge zu verstehen. Die frühneuzeitliche Sichtweise von
Wundergeburten wird durch grundlegend andere Denkweisen, Wunderbegriffe und Körpervorstellungen konstituiert, die ich in meinem Vortrag aufbereiten werde. Ich möchte nach den Parallelen und Differenzen in Erscheinungsformen, Wahrnehmungsweisen und Funktionen der Monster in der Frühen Neuzeit und in der Moderne fragen.

Monster vor und auf der Leinwand: Fünf Blicke aus dem Kino auf Tod Brownings FREAKS (USA 1932)
Sarah Dellmann (Frankfurt/M.)

FREAKS ist der heute bekannteste Film Tod Brownings – und das, obwohl er im Gegensatz zu seinen anderen Filmen ein Kassenflop zur Zeit seines Erscheinens war.
In einem Wanderzirkus, in dem neben den heute bekannten ArtistInnen auch Menschen mit diversen ungewöhnlichen Körpern, die freaks, auftreten, verliebt sich der kleinwüchsige Hans in die den Schönheitsidealen entsprechenden Trapezistin Cleopatra. Cleopatra aber will Hans' Liebe nur zu ihrem finanziellen Vorteil ausnutzen und plant einen Hinterhalt gegen Hans. Als die anderen freaks davon erfahren, planen sie eine grausame Rache...
Im Rahmen des recht konventionellen Melodramas wird das unkonventionelle Alltagsleben der freaks im Wanderzirkus beschrieben: Das Arbeiten, Essen, Feiern und Lieben der freaks bricht mit den Normen der bürgerlichen Gesellschaft und ermöglicht einen anderen, nicht-normativen – monströsen? – Blick auf Sexualitäten, ungewöhnliche Körper und ihre Möglichkeiten.
Ich möchte auf die vielen Anspielungen in Sprache und Bild eingehen, die einem ersten, flüchtigen Blick vielleicht entgehen und die Frage stellen, wo diese „monströsen Körper“ im Laufe der Geschichte geblieben sind.

Monströses Erzählen
Constanze Geisthardt (Zürich)

Monster entziehen sich einer eindeutigen Klassifizierung. Sie stehen zwischen den Kategorien und lassen sich mit den gängigen Ordnungsprinzipien nur ungenügend erfassen. Ähnlich verhält es sich mit den deutschsprachigen Romanen des späten Mittelalters. Sie entsprechen nicht der Formsprache und den Gattungskonventionen der „klassischen“ Romane des 12. und 13. Jahrhunderts und sind daher in der Forschung häufig als epigonenhaft und minderwertig bezeichnet worden.
Am Beispiel des „Wilhelm von Österreich“, einem 1314 entstandenen Roman, in dem die Abenteuer des gleichnamigen Helden erzählt werden, wird in dem Vortrag gezeigt, wie das sich scheinbar jeder Form entziehende Monströse in spätmittelalterlichen Romanen zum formgebenden Prinzip des Erzählens wird.
Das poetologische Programm des Textes materialisiert sich in der monströsen Gestalt des Aventuer Hauptman. Anhand seines monströsen Körpers erläutert er dem jungen Wilhelm zu Beginn des Romans dessen weitere Abenteuerfahrt – und liefert dem Leser damit Informationen zur Textkonzeption. In seinem Körper sind die relevanten Rezeptionsvorgaben sowie die Kompositionsprinzipien und die topographische Gliederung des Textes eingeschrieben und chiffriert. Das Monströse strukturiert so den ausufernden, hybriden Text, macht ihn lesbar und verständlich.

Vom Phantastischen zu einem Naturalismus der Gewalt
Das Monströse im Film seit den 1960er Jahren
Lukas Germann (Basel)

Versteht man unter dem Monströsen das in seiner Ungeheuerlichkeit Schockierende und Verstörende so lässt sich im Film seit den 1960er-Jahren eine Entwicklung des Monströsen weg vom Phantastischen hin zu einem Realismus der Gewalt beobachten. An die Stelle der klassischen Filmmonster sind monströse Menschen und ihre Taten sowie das Aufzeigen von Monstrositäten in der empirischen Realität gerückt. Die Suche nach einer ins Dokumentarische reichenden Ästhetik größtmöglicher Authentizität in der Darstellung von Gewalt findet v.a. im Kino jenseits des Mainstreams immer heftigere Ausprägungen.
In der Thematisierung so verschiedener, durch den in ihnen vorherrschenden Realismus in der Darstellung von Gewalt aber doch mit einander verbundenen Filme wie Luc Belveaux' „C'est arrivée près de chez vous“ (1992), T. E. Mous' „Men behind the sun“ (1987), Frederick Wisemans „Titicut Follies“ (1967), Bruno Dumonts „L'humanité“ (1999) oder der „August Underground“-Trilogie von Fred Vogel (2001-2007) geht es mir darum, das Spannungsfeld zwischen Subversion und Affirmation, in dem solche Filme in ihrer Ästhetik und Wirkung liegen, darzustellen und auch nach dem ästhetischen Stellenwert dieses neuen filmischen Naturalismus der Gewalt zu fragen. Dabei zeigen sich ältere filmphilosophische Fragestellungen – wie die nach dem Verhältnis von Film und phyischer Wirklichkeit oder nach der Funktion des Schockhaften in der filmischen Ästhetik – in neuer Aktualität.

Die Schöne und das Biest
„Rasse“, Klasse, Geschlecht und andere Monstrositäten der Moderne
Iris Mendel (Wien)/Nora Ruck (Wien)

Das Monster – die Verkörperung von Differenz – soll in unserem Vortrag als Ausgangspunkt für eine Analyse des Ineinandergreifens der modernen Strukturvariablen „Rasse“, Klasse und Geschlecht und der damit einhergehenden Verschränktheit von Andro- und Eurozentrismus in der Wissenschaft dienen. Wir verstehen das Monster dabei mit Michel Foucault als „das große Modell aller kleinen Abweichungen“, das wir allerdings um eine besondere Aufmerksamkeit auf „Rasse“ und Geschlecht erweitern wollen.
Zunächst zeigen wir, dass das Monster historisch mit bestimmten Formen des Euro- und Androzentrismus verknüpft war: So galt etwa die Imaginationen der Mutter während der Schwangerschaft als Ursprung von Monstergeburten; oder monströse Gestalten wurden als Inbegriff des Anderen in „entlegenen Gegenden der Erde“ verortet und zum Maßstab für die eigene Zivilisiertheit herangezogen.
In einem nächsten Schritt untersuchen wir anhand gegenwärtiger populärer und wissenschaftlicher Diskurse, die sich der Figur des Monsters bedienen, ob sich auch Formen des neuen Kulturrassismus und Sexismus, die „Rasse“ und Geschlecht nicht mehr als biologisch verstehen, anhand der Figur des Monsters entschlüsseln lassen. Wir konzentrieren uns dabei auf Diskurse um Fragen von Schönheit und Schönheitschirurgie und fragen, inwiefern „Rasse“ und Geschlecht in Zuschreibungen von Monstrosität hineinspielen. Warum etwa gilt Michael Jackson als besonders monströs? Weil er durch seine vielen Schönheitsoperationen „objektiv“ besonders hässlich geworden ist oder weil er die Grenzverläufe von „Rasse“ und Geschlecht verundeutlicht hat?

Aus Monstern Bürger machen: chirurgische Interventionen an hermaphroditischen Körpern
Maximilian Schochow (Leipzig)

In Diderots Enzyklopädie ist zu lesen, Hermaphroditen seien Irrungen bzw. Missbildungen der Natur. Doch dieser Natur auf „Abwegen“, die monströse Körper hervorbringe, könne die Kunst der Chirurgie zur Seite gestellt werden. Ihr sei der rechte Weg bekannt und sie könne der Natur helfen, sich wieder auf sich selbst zu besinnen (vgl. Diderot 1777). Die Diderotschen Ausführungen signalisieren drei fundamentale Wandlungen innerhalb des Wissens, die am Ende des 18. Jahrhunderts auftauchen. Zum einen betrachtet Diderot die sogenannten Monster, konkret die Hermaphroditen, nicht mehr als göttliche Zeichen, wie bis Ende des 17. Jahrhunderts üblich, sondern als Produkte der Natur. Zum anderen stellt er das Phantasma des Natürlichen infrage und führt eine Natur vor, die sich irren kann. Hieraus resultiert drittens ein Wandel in jenen Praktiken, die sich auf Hermaphroditen richten. Hingegen im 17. und 18. Jahrhundert Zwitter das Recht der freien Geschlechtswahl haben, taucht am Ende des 18. Jahrhunderts die Vorstellung auf, dass Hermaphroditen Missbildungen der Natur seien, die mithilfe chirurgischer Eingriffe einem der beiden Geschlechter zugeordnet werden sollten. Diesen Wandel, der sich am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert im Umgang mit Hermaphroditen ereignet, und die hieraus resultierenden Wirkungen gilt es zu analysieren.

Männer, Macht und Monster
Zum Wechselspiel dreier Grundkonstituenten mittelalterlicher Erzählungen
Simone Schultz-Balluff (Bochum)

Zunächst kennt niemand am Wormser Hof den jungen Krieger, der unangekündigt im Schlosshof steht und den König zu sehen verlangt; doch dann weiß ein erfahrener Mann doch etwas zu berichten über den Jüngling „der dort sô hêrlîchen gât“: er habe starke Krieger besiegt, einen unglaublichen Schatz gewonnen, Riesen bekämpft, einen Zwerg bezwungen und letztlich einen Drachen getötet. Die Rede ist von Siegfried von Xanten.
Bereits im Mittelalter gehörte der Bericht von Kämpfen gegen unglaubliche Wesen zu den faszinierenden Teilen einer Erzählung. Einige dieser Kämpfe sind bis heute bekannt und gehören zu den nationalen Sagenstoffen, wie z.B. der Kampf Siegfrieds mit dem Drachen oder Beowulfs Kämpfe gegen Grendel, dessen Mutter und einen Drachen. Diese Kämpfe zeigen jeweils ganz eigene Ausprägungen – eines jedoch ist vielen gemeinsam: der das Monster bezwingende Kämpfer verschmilzt temporär mit seinem monströsen Widersacher, er wechselt aus der Sphäre des Menschlichen in die der Monster, und die partielle und temporäre Verschmelzung mit dem Gegner bewirkt schließlich eine Machtübertragung, die fortan zu spüren aber auch zu sehen ist.
Ausgehend von diesem Befund werde ich weitere Monsterkämpfe der mittelalterlichen Literatur hinsichtlich der Wechselwirkung von Mann, Macht und Monster untersuchen und nach den zugrunde liegenden Konzeptionen und ihren Merkmalen fragen.
Neben der Herausarbeitung oben skizzierter Konzeptionen für das Mittelalter möchte ich Überlegungen zu deren Umgang und Umsetzung am Beispiel gegenwärtiger Erzählungen anstellen und damit darlegen, dass und inwieweit ein archaisches Konzept die Grundlage heutiger Erzählungen bildet, Faszination ausübt und äußerst nachhaltig rezipiert wird.

Böses Monster, gutes Monster

Die Ambivalenz der Ungeheuer vom Mittelalter bis zur Popkultur
Seila Selimovic (Boston)/Leila Werthschulte (München)

Monster (mhd. ungehiure) stehen in der volkssprachlichen Literatur des Hoch- und Spätmittelalters meistens für die Krise des Protagonisten, die Bedrohung und Zerstörung der Weltordnung. Sie sind durch die Ausgrenzung vom Normalen und Menschlichen definiert und bilden somit selbst eine Grenzkategorie. Neben grundsätzlichen Überlegungen, wie diese Ausgrenzung in der mittelalterlichen Literatur zum Erzählmuster wird und sich auf die gesamte Erzählstruktur auswirkt, wird im Vortrag vor allem die Ambivalenz der Monsterfiguren und die Figurenkonzeption in den TV-Fantasyserien Buffy the Vampire Slayer und Angel analysiert. Besonders interessant sind dabei Konsequenzen für narrative Strategien des jeweiligen Genres sowie Strukturen, die sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lassen.
Die Dualität menschlicher und monströser Natur ist deutlich in den Darstellungen der hybriden Monster zu sehen, die als Grenzfiguren trotz ihrer Monstrosität ihre Menschlichkeit bewahren. Erst durch diese explizite Ambivalenz zwischen Gut und Böse können Monster als Protagonisten agieren und befriedigen einerseits das Identifikationsbedürfnis des Publikums mit dem Helden, andererseits aber auch den Wunsch nach Exorbitanz und Andersartigkeit. Während die literarischen Texte des Mittelalters zwar wenige, aber dafür prominente Protagonisten mit monströsen Zügen (z.B. Siegfried und Dietrich) kennen, witterte das Fantasy-Genre hier seine Chance und generierte Helden wie Vampire mit Seele und gutmütige Dämonen. Das „gute Monster“ Angel erinnert den Zuschauer stets an die eigenen inneren Abgründe und die seltene Möglichkeit, wahres Glück zu empfinden.
Die Mensch/Monster-Ambivalenz ist nicht nur ein festes Strukturmerkmal von Monsterfiguren geworden, sondern beeinflusst auch die narrative Strategie: Die „guten Monster“ versinnbildlichen die Dualität des menschlichen Charakters, der Welt und der Gesellschaft, thematisieren ihre positiven und negativen Tendenzen, offenbaren Krisen und Bedrohungen, Emotionen und Sehnsüchte.

Patricia Piccinini: Vertraute Monster
Heike Thienenkamp (Bielefeld)

Hybride Wesen bevölkern die Kunst und die Vorstellung der Menschen schon seit ihren Anfängen. Durch aktuelle Entwicklungen der Biotechnologie scheint die bisherige Fiktion von Mensch-Tier-Mischwesen jedoch immer realer zu werden. Das bringt moralische und ethische Fragen mit sich, die sich auch in der Kunst widerspiegeln.
Beispielhaft richtet sich der Fokus des Vortrags auf das Werk der australischen Künstlerin Patricia Piccinini. In immer neuen, hyperrealistischen, plastischen Werken thematisiert sie seit den 1990er Jahren die verschwimmende Grenze zwischen Natur und Technik. Ihre hybriden Wesen sind so bestürzend lebensecht plastiziert, dass sich für den Betrachter Faszination und Abschreckung die Waage halten. Dabei sind Piccininis „Monster“ nicht per se Furcht erregend, sondern wirken vertraut und beinah liebenswert.
In vielen ihrer Arbeiten gibt die Künstlerin Ängsten Gestalt, die mit moderner Biotechnologie verbunden sein können. Entstehen Klone bald standardmäßig in Labors? Werden im Stil eines Dr. Frankenstein aus Faszination für die Wissenschaft Monster geschaffen?
Innerhalb des Vortrags werden Arbeiten Piccininis vorgestellt und analysiert, welchen Aspekten der modernen Biotechnologie darin Gestalt gegeben wird. Hinterfragt wird auch, ob die Künstlerin zur Auseinandersetzung mit den neuen biologischen Technologien beiträgt oder ob es für die Betrachter ihrer Werke bei einem vordergründigen Schockeffekt bleibt.

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