Call for Papers 2008
forum junge wissenschaft IV
Monster
19.11. bis 23.11.2009
Mit der
Behauptung, daß Monster, Ungeheuer oder mißgebildete
Kreaturen die Menschen schon immer beschäftigt und fasziniert
haben, wird man wohl kaum zu weit gehen. Woraus aber genau speist
sich diese Faszination? Gibt es eigentlich noch Monster, oder sind
sie möglicherweise mit Aufklärung, Rationalisierung und
Verwissenschaftlichung des Lebens aus eben diesem verschwunden?
Wo findet man das oder die Monster, zumal heutzutage; wo wäre
ihr spezifischer Ort? Wie realisiert sich das Monster in der Gesellschaft
– oder außerhalb derselben? Welches sind die spezifischen
semantischen oder visuellen Strategien, in denen das Monster zum
Einsatz von Selbst- und Weltdeutungen wird?
Es sind solche und ähnliche Fragen, die das forum junge wissenschaft
thematisieren will. Das Monster, so die allgemeine Überlegung,
ist immer eine Grenzfigur. Als eine solche, in der sich das Eigene
und das Andere überschneidet oder trennt, stellt das Monster
eine Möglichkeit dar, Bestimmungen des Selbst vorzunehmen:
So könnte das Monster als Medium der Fest-Stellung von Gegen-,
Eigen- und Zerrbildern des Menschen gefasst werden.
Diese Perspektive eröffnet die Fragestellung nach den verschiedenen
Figuren des Anderen bzw. der Andersartigkeit, die das Monster bereitstellt,
und damit implizit nach den unterschiedlichen Bildern des Menschen,
die damit transportiert werden. Über allgemeine und abstrakte
Bestimmungen des Monsters und der Monsterisierung hinaus
sollen somit zum einen die je konkreten Erscheinungen des Monsters
aus einer kultur- und sozialgeschichtlichen Perspektive in den Blick
genommen werden: Wie wird die Grenze, die das Monster herstellt,
historisch fixiert, wie verschoben und wie wandelt sich der Maßstab
im Laufe der Zeit. Hier stellt sich also die Frage nach der historischen
Kontingenz der Fixierung der Grenze zwischen Menschlichem und Nicht-Mehr-
bzw. Nicht-Menschlichem. Denn neben den das Reich der Phantasie
bewohnenden Fabelwesen finden sich schon seit langer Zeit die nicht
vollkommen jenseits der Grenze verortbaren Wesen, deren Monstrosität
in ihrer körperlichen Abweichung besteht: Mißgeburten,
Zwerge oder Haarmenschen bevölkern beispielsweise die Kunst
des Mittelalters (und freilich nicht nur die, man denke beispielsweise
an Velázquez oder Odilon Redon) ebenso wie den medizinischen
Diskurs des 19. Jahrhunderts. Mit solchen Hybriden rückt das
Monster näher an den Menschen heran. Und die modernen Zeiten
bringen Sonderfälle des Hybriden hervor – Wesen vom Homunkulus
bis zum Cyborg zeigen eine weitere Art von Monstern an: diejenigen,
die nicht nur der Phantasie des Menschen entspringen, sondern im
ganz konkreten, materialen Sinne menschengemachte Monster sind.
Daß man beispielsweise die Bürokratie oder die Technik
(man denke nur an die technikkritischen Debatten der 1950er Jahre,
die sich vor dem Hintergrund der Atombombe abspielen) mit dem Prädikat
des Monströsen ausstatten kann, verweist auf Dimensionen des
vom Menschen Produzierten, das sich seiner Kontrolle entzieht.
Kann man also einerseits davon ausgehen, daß die Strategien
des Einsatzes des Monsters als Medium der Bestimmung des Eigenen
und des Anderen sowohl historisch als auch sozial bedingt differieren,
läßt sich andererseits danach fragen, wie sie – sowohl
die Monster wie die Strategien – je feldspezifisch (z.B. politisch,
ästhetisch-künstlerisch, wissenschaftlich) verschiedene
Ausprägungen annehmen. Insofern stellt sich die Frage nach
den jeweiligen Verfahren der Dar- und Herstellung des Monsters und
deren Besonderheit. Als grenzziehendes wie -subvertierendes Faszinosum
sind Monster nicht nur Bedrohung, sondern fungieren als Wunschmaschine
und Möglichkeit, Formen des Exzesses und der Entgrenzung literarisch
und künstlerisch durchzuspielen: ein ästhetisches Ausagieren
des Monströsen (wie beispielsweise bei den Libertins um de
Sade), das immer auch auf Grenzverletzungen und -verschiebungen
im gesellschaftlich-politischen Feld zielt.
Im Rahmen des forum junge wissenschaft interessieren insbesondere
die Momente der Absonderlichkeit oder gar der absoluten Andersartigkeit
des Monsters sowie die der Instrumentalisierung dieser Absonderlichkeit
für eine Stabilisierung der je historischen Ordnung der Wahrnehmung
und Erfahrung. Welche Verbindungen bestehen zwischen diesen beiden
Momenten? Ist das Monster notwendig jenseits der Grenze der Ordnung
der Erfahrung zu verorten oder werden mit der Bezeichnung von etwas
als Monster auch Exklusionsprozesse legitimiert, ließe
sich also die jeweils angelegte Semantik als Konstruktionsakt fassen?
Besonders brisant sind diese Fragen, wenn sie auf die Unterscheidung
von Menschlichem und Nicht-mehr-Menschlichem zielen. Hier offenbart
sich die jeweils historisch zu beobachtende Konzeptualisierung des
Menschlichen, die durch Monster, Monstrositäten, sogenannte
Mißgeburten sowohl verunsichert als auch stabilisiert
wird. Gerade das Monster fordert dazu heraus, die Grenzen des Menschlichen
besonders straff zu ziehen. Daran schließt sich die Frage
an, was mit Gesellschaften und Kulturen passiert, wenn sie keine
Monster mehr kennen oder im Zuge von Aufklärung und Rationalisierung
keine mehr kennen wollen? Ist die Semantik des Monströsen heutzutage
womöglich nur noch eine instrumentelle, mit der mißliebige
Erscheinungen belegt werden können – zu denken ist hier u.a.
an Diktatoren, die gern in Termini des Monströsen
gefaßt werden. Und was bedeutet eine solche Instrumentalisierung
der Semantik für eine normativ aufgeladenes, quasi-rechtliches
Konzept, wie das der Menschenrechte: Können diese entzogen
werden, wenn jemand oder etwas mit einer Semantik des Monströsen
überzogen wird? Ist dieses Konzept mithin nicht so universal,
wie es den Anschein hat, sondern ist es ein ideologisches Instrument,
das unter Beachtung und Einhaltung bestimmter Regeln – welcher?
– variabel ist und Ausschlüsse nach sich ziehen kann, die durchaus
existentielle Folgen haben können?
In diesem Sinne will das forum junge wissenschaft mit einem interdisziplinären
Ansatz zu einer geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen wie
-geschichtlichen Aufklärung der Figur des Monsters beitragen.
das cfp 2008 als pdf