Abstracts 2009

Typisch Balkan!
Dracula, Armut und Völkermord
Sebastian Goll (Dresden)
Spätestens seit den jugoslawischen Zerfallskriegen wird der abwertende Begriff des „Bal­ka­nis­mus“ wieder oft verwendet. Mit ihm verbindet man die Vorstellung von zersplitterten po­li­ti­schen Gebilden, Gewalttätigkeit und limitierter Fähigkeit zur Demokratie. Auch in Huntingtons viel dis­ku­tiertem Werk „Der Kampf der Kulturen“ endet „der Westen“ in Trans­sylvanien. Dort wo einst die Grenzen des weströmischen und des oströmischen Reiches oder des Osmanischen Reiches und der Habsburger Monarchie aufeinander trafen, beginnt eine andere Welt, in der Men­schen­rechte keine Geltung haben und bürokratischer Despotismus herrscht.
In dem Vortrag sollen die Wurzeln dieses Klischees zurückverfolgt werden. Als entscheidend dafür werden die Balkankriege identifiziert, welche im Vorfeld des ersten Weltkrieges statt­fanden. Hier wurde zum ersten Mal eine internationale Kommission eingesetzt, welche Kriegs­ver­brechen dokumentierte. Die ungewöhnlich genaue Dokumentierung der Greueltaten in den Bal­kan­kriegen wirkte in intellektuelle Schichten und bildete die Grundlage für ein Klischee, das zusammen mit bereits bestehender Literatur (Bram Stokers „Dracula“) und zahlreichen später entstandenen Werken (z.B. Agatha Christies „Miss Marple“) breite Bevölkerungskreise erreichte. Dieses Klischee bezüglich einer ganzen Region scheint durchaus noch von Relevanz zu sein, wenn man beispielsweise Umfragen in Deutschland über die Bewertung Rumäniens mit dem tatsächlich existierenden Wissensstand vergleicht. Auch die Bewertung der Balkanregion als eine besonders „blutrünstige“ ist letztlich nur um den Preis einer Amnesie bezüglich der Kriegs­ver­brechen „westlicher“ Länder zu haben. Am Beispiel des südosteuropäischen Raumes lässt sich hervorragend zeigen, wie sehr vorgefertigte Interpretationsmuster unsere Wahr­nehmung und Bewertung von Ereignissen prägen.

Der Vineta-Mythos
Gegen die absolute Vernunft des Westens
Christoph Kivelitz (Hannover/Bochum)
Peter der Große begriff die Stadtneugründung St. Petersburgs als Wiedergeburt des nordischen Atlantis, der Stadt- oder Gesellschaftsutopie von Vineta, einer sagenhaften Stadt in der Ostsee. Wo dieses Atlantis des Nordens lag und unter welchen Umständen die Stadt unterging, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Es ist nicht einmal endgültig abgesichert, ob Vineta tatsächlich je existierte, was wiederum einer Vielzahl von Spekulationen und Mythisierungen Vorschub leistet. Hier knüpft ein künstlerisches Projekt des auf Rügen geborenen, in Leipzig lebenden Künstlers Sven Johne an. Im Rahmen seiner Recherchen „Zum Leben und Sterben in Ostdeutschland und anderswo“ entstand der konzeptionelle Fotozyklus „Vinta“ aus dem Jahr 2004. Hier schafft der Künstler die auf dem Vineta-Mythos begründete Fiktion der Insel Vinta, dreizehn Seemeilen vor Peenemünde in der Ostsee gelegen, die im Zeitraum von 1923 und 1992 Ziel verschiedener Personen wurde, die hier in der Entwicklung und Realisierung einer Utopievorstellung mehr oder weniger kläglich versagten. In der Schilderung dieser teils wahnwitzigen Utopien spiegelt sich metaphorisch das Konzept der Moderne und des 20. Jahrhunderts als Abfolge von Visionen und Momenten des Scheiterns bis hin zur gebrochenen Identität der immer noch nicht ganz im Westen angekommenen Ostdeutschen im 21. Jahrhundert.
Am Beispiel der künstlerischen Projekte von Sven Johne soll dem Fortwirken und Verblassen des Mythos „Ost“ im prekären Prozess des Zusammenkommens von West- und Ostdeutschland nachgezeichnet werden. Dabei wird die Frage aufgeworfen, in wieweit der Vineta-Mythos – kritisch betrachtet – als gemeinsame Vision und „Sehnsuchtsbild“ diese Entwicklung auch positiv beeinflussen kann.

Der christliche Osten‘ oder Wie der Westen die Orthodoxie entdeckte
Britta Müller-Schauenburg (Tübingen)

Der im 20. Jahrhundert neu entdeckte „christliche Osten“ der orthodoxen und orientalischen Kirchen wird leicht und oft, interessanterweise sogar gerade auch in wissenschaftlichen Fra­ge­perspektiven, rela­tiv naht­los eingereiht und interpretiert im Rahmen der großen Kategorie „öst­liche Religiosität“.  Genau be­sehen liegt aber hier etwas ganz anderes vor, das sich in dieser primär durch die asiatischen Religionen wie etwa Buddhismus und Hinduismus geprägten Kate­gorie nicht erfassen läßt. Es gibt also zwei, in Lehre und Praxis fundamental unter­schiedene, Kategorien des „Ostens“ für den Bereich des Religiösen, die zwar auf eine wir­klich beinahe diametral entgegengesetzte Art antworten auf Sehnsuchtsfragen des „Westens“, die aber aus der Perspektive des Westens und in den „westlichen Begriffen“ erst ein­mal nur schwer unterscheidbar scheinen und verschwimmen. Der Vortrag widmet sich den theoretischen und praktischen Differenzen, dem Problem ihrer Ver­sprach­lichung und ihrer wis­sen­schaftlichen Dar­stell­barkeit, und konkretisiert dies anhand einer kleinen Einführung in die Praxis, die Wis­sen­schaftsgeschichte und Reflexion der traditionellen ortho­doxen Kontemplationstechnik, des „Herzengebetes“.

Ostsiedlung – Ostforschung – Ostkrieg
Der Osten‘ im deutschen Blick des 19. und 20. Jahrhunderts
Benno Nietzel (Berlin)

Der Vortrag behandelt die spezifisch deutsche Wahrnehmung des osteuropäischen Raums im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der dieser als offener Raum - als ‚Osten‘ - be­griffen wurde. Bereits im 19. Jahrhundert bildeten sich mit der sogenannten Kultur­trägertheorie und der Urgermanentheorie wichtige argumenta­tive Forma­tionen heraus, die die weitere deutsche Sicht­weise auf den osteuropäischen Raum entscheidend prägten. Diese gingen auch in die Strömung der sogenannten „Ostforschung“ ein, die sich im Laufe der 1920er Jahre als aka­demische Hauptströmung der deutschen Osteuropaforschung etablieren konnte. Unter Be­rück­sichtigung wissenschaftlicher wie populärer Diskurse werden in dem Vortrag die ver­schiedenen Dimensionen der Raumwahrnehmung und des Konzeptes vom ‚Osten‘ herausgearbeitet und beschrieben: Der Osten wurde als eine territoriale tabula rasa und als politischer Ge­staltungs­raum wahrgenommen, auf den ein besonderes Zugriffsrecht bereits durch seine partiell „deutsche“ Durchdringung gegeben sei. Die nebulöse und hochassoziative Chiffre vom ‚Osten’ entfaltete im Laufe der Zeit einen semantischen Sog, der mit dazu beitrug, dass insbesondere der ostmitteleuropäische „Zwischenraum“ zwischen dem Deutschen und dem Russischen Reich immer mehr als der Schlüssel zu einer europäischen Neuordnung erscheinen konnte. Endpunkt dieser Entwicklung war die brutale Gewaltpolitik einer „völkischen Flurbereinigung“ während der nationalsozialistischen Okkupation, deren Erfahrung und Folgen nicht nur für die osteuropäische Gegenwart noch in höchstem Maße relevant ist.

Triumph und Trauma
Tschechische Intellektuelle zwischen Prager Frühling und dem Ende des Kommunismus

Marketa Spiritova (Prag/München)

Auf der Grundlage von Zeitzeugeninterviews werden die durch Repression und Mangelwirtschaft ge­kenn­zeichneten alltäglichen Lebenswelten von politisch verfolgten Intellektuellen in der Tsche­cho­slo­wakei behandelt.

Kresy Wschodnie – Östliches Grenzland
Die polnische Diskussion über nationalen Raum zwischen 1864 und 1918
Alexandra Schweiger (Halle-Wittenberg)

Der Begriff Kresy Wschodnie bezeichnet heute etwas unspezifisch die ehemaligen polnischen Ostgebiete. Die entsprechende Region läßt sich nicht eindeutig geographisch abgrenzen, son­dern ist vor allem Gegenstand eines romantischen Mythos, nach dem Polen dort die christ­lich-lateinische Zivilisation gegen die Barbarei verteidigte. Für Polen aus allen Land­schaften konnte der Osten so zu einer zentralen Chiffre für die nationale Tradition werden. Dieser sich in seinem Kern auf eine Hinwendung zur Vergangenheit gründende Mythos der Kresy erfüllte in der Zeit der Staatenlosigkeit eine integrierende Funktion und spielte eine wichtige Rolle für die nationale Selbstvergewisserung. Mit dem Bild des antemurale christianitatis kor­respondierten aber auch po­li­tische Vorstellungen von der Gestalt eines künftig neu zu schaf­fenden Polen. Die Kresy wurden als integraler Bestandteil des polnischen nationalen Territoriums und damit des zukünftigen Staates gesehen. Diese Vorstellung wurde zunehmend von den erwachenden Nationalismen der Ukrainer, Weißrussen und Litauer herausgefordert.
Der Vortrag zeichnet die entscheidenden Argumentationslinien der Kresy-Diskussion nach und zeigt auf, welcher Stellenwert den Kresy als nationalem Territorium eingeräumt wurde sowie in welchen funktionalen Kontexten sich die Diskussion abgespielt hat.

Der Osten als Wiege einer „Neuen Menschheit“
Thomas Tetzner (Hannover)

Im revolutionären Rußland des 20. Jahrhunderts tauchte in den Schriften und Diskussionen der Intelligenzija innerhalb wie außerhalb der kommunistischen Bewegung immer wieder das Motiv der Erneuerung des Menschen bzw. der Menschheit auf: Nicht nur die Eigentums- und Macht­verhältnisse, auch der „alte“ Mensch selbst sollte gesellschaftlich überwunden werden und einer neuen, höheren Existenzform Platz machen. Die Entwürfe eines Neuen Menschen konnten dabei sehr skurril ausfallen oder auch extrem vage bleiben.
Die geistesgeschichtlichen Traditionen, aus denen sich diese Idee speist, reichen ins frühe Christentum zurück: Beim „Neuen Menschen“ handelt es sich um das ursprünglich religiöse Motiv einer korporativen Vergöttlichung (Theosis). Während das östliche, orthodoxe Christentum diese Traditionen bewahrte, wurden sie vom Katholizismus rasch verworfen, dafür aber in der „säkularen“ westlichen Moderne verschiedentlich neu aufgegriffen und verändert (z.B. frz. utop. Sozialismus, Dt. Idealismus, Nietzsche). Die russische Intelligenzija des 19. Jahrhunderts war dann darum bemüht, jene westlichen Ideen mit der östlichen Tradition Rußlands zu vereinbaren und zu verbinden. Dieses erneute Aufeinandertreffen der beiden mittlerweile entfernt ver­wandten Ideenströme bildete gleichsam die diskursive Voraussetzung für die eigenartige russische Renaissance der Denkfigur des „Neuen Menschen“ im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Der Osten der großen Städte
Symbolische Topographie und innere Kolonisation um 1900

Jens Wietschorke (Berlin)

Der Gegensatz zwischen Osten und Westen lässt sich als ein zentraler Mythos der euro­pä­ischen Geschichte seit dem Mittelalter be­greifen; die symbo­li­sche Land­kar­te Europas ist zutiefst von der Unterscheidung zwischen „Westen = Zivilisation“ und „Os­ten = Bar­­ba­rei“ ge­prägt. Doch im 19. und frühen 20. Jahrhundert bestimmte dieser Gegensatz auch die Wahr­neh­­mung der sozialen Topo­graphie innerhalb europäischer Großstädte. Denn in Städ­­ten wie Lon­­­don, Paris, Wien, Hamburg und Berlin bildete sich ein spezifischer Ost-West-Gegen­sat­z heraus: Im Osten entstanden vorwiegend Industrie- und Arbeiter­be­zir­ke, im Wes­­ten die geho­be­nen bür­­gerlichen Wohn­vier­tel. Im Zuge des­sen wurde der Os­ten zu einem Gegen­bild der Zi­vi­lisa­tion er­klärt, zur Schat­tenseite der Stadt, zum „dar­kest Lon­don“ oder zum „dunk­len Ber­lin“ – einem unbe­kannten und be­droh­li­chen Ort des Schmutzes, der unteren Schich­ten und der nie­­de­ren In­stinkte. In meinem Vortrag möch­te ich die Geschichte bürgerlicher Sozialre­for­mer erzählen, die sich in den Osten der Stadt begeben haben, um die dortigen Arbeiterquartiere ken­nen­zulernen und konkrete Hilfe zu leisten. Aus ihrer Perspektive erschien der Osten der großen Städte als ein zu ko­lo­nisierender Raum; gleichzeitig aber war dieser Os­ten auch ein als „authentisch“ erfah­rener Ort, an den es die bürger­li­chen Sozial­re­for­mer in einer Art heim­lichen Begehrens zog, ein Ort des Abenteu­ers und der Leiden­schaf­ten. So oder so spie­gelte sich in der Me­tapher des Ostens all das, was aus der glän­zen­den Me­tropolen­kul­tur um 1900 verdrängt worden war: das Bedrohliche, das Un­be­kannte – das „wirkliche Le­ben“?

forum junge wissenschaft | mail//at//forumjungewissenschaft.de | webdesign: text plus form