Call for Papers 2009

forum junge wissenschaft V
Das Prinzip ‚Osten’

18.11. bis 22.11.2009

Den 20. Jahrestag der so genannten Wende nimmt das diesjährige forum junge wissenschaft zum An­lass, um über den Be­griff – oder besser: das Prin­zip – ‚Osten’ nachzudenken: Was meint man eigent­lich, wenn man vom Osten und mehr noch: von ‚typisch Osten’ spricht? Warum haben so viele Re­gio­nen und Län­der ihren ‚Osten’? Über­lagert neuerdings möglicher­weise ein Kon­zept der Mitte die Dicho­tomie Ost/West? Mithin wird der Fokus nicht das sich jährende Er­eig­nis selbst sein. Viel­mehr sollen jene kultu­rellen, sozialen, poli­tischen und räum­lichen Kon­text­be­dingun­gen Gegen­stand der Ana­lyse werden, denen die Ent­stehung und – wenn auch dyna­mische – Ver­steti­gung eines solchen Raum­para­digmas, wie es „der Osten“ ist, zu ver­danken sind.
Schon die geographische Kategorie ist als relationale kom­plexer und weniger ein­deutig als es zu­nächst scheint: ‚Osten’ ist ein Ver­hältnis­wort – es zeigt eine Blick- und Denk­richtung an, eben­so wie einen be­stimmten Raum, auf den sich das Inter­esse richtet. Geht man über den geo­graphi­schen Ge­halt hin­aus und sieht, dass der Be­griff auch dis­kurs­politisch ge­nutzt wer­den kann, dann zeigt sich, dass mit dem Be­griff auch identi­täre und mit­hin identi­täts­theo­retisch zu ana­ly­sierende Aspek­te an­ge­sprochen sind: so die Aspek­te der Ab­gren­zung und der Zu­ge­hörig­keit oder des Eige­nen und des Fremden.
Der Osten ist aber auch ein Raum, der ambivalente Affekte hervorruft und immer auch her­vor­ge­rufen hat. Einer­seits ist er ein Verheißungs- und Sehn­suchts­raum: als Wiege der Zivili­sa­tion zog der Osten immer wieder die Ver­ehrung und den sehn­suchts­vollen ‚Blick zu­rück’ von Schrift­stel­lern wie Philo­sophen auf sich. Und seit der Russi­schen Oktober­revo­lu­tion 1917 stand der Osten eben auch – für eine ge­wisse Zeit – als Ort der Er­neue­rung und Humani­sie­rung der Welt bei west­euro­päischen Intel­lektu­ellen hoch im Kurs. Auf der ande­ren Seite mobi­li­sierte das Prin­zip ‚Osten’ aber immer wieder auch den Af­fekt der Furcht; seien es die Tür­ken­kriege, die ‚rote Flut’ des Bolsche­wis­mus, die ‚Zi­geu­ner’ oder die ‚Bil­lig­arbei­ter’ – der Osten wurde (und wird) im­mer wieder als Be­drohungs­raum wahr­genom­men. Eng damit kor­respon­diert die Wahr­nehmung des Ostens als eines Verfügungs­raums: seine Kolo­niali­sierung, die Mög­lich­keit, sich seine als gerade­zu un­er­mess­lich ge­dachten Res­sourcen ver­füg­bar zu machen, ließe sich als fak­tische Auf­hebung der Dif­ferenz von Ver­heißung und Be­drohung auf­fas­sen. Die Ambi­va­lenz der auf den Osten ge­richteten Affekte und damit ein­her­gehenden Pro­jek­tionen her­aus­zuarbeiten wird eines der Ziele des dies­jährigen forum junge wissen­schaft sein.
Zudem kann man den Osten auch als einen entscheidenden Labor­raum der mensch­lichen Ge­schichte be­zeich­nen: nicht nur wurde und wird die Wiege der Zivi­li­sa­tion häufig im Osten ver­mutet, auch ge­sellschaft­liche Groß­experi­mente wie der Staats­sozia­lismus bzw. -kommunismus wurden hier durch­geführt. Eben­so, und mit diesen ver­wirklich­ten Uto­pien bzw. Dysto­pien in engem Zu­sam­men­hang stehend, wäre es mög­lich, den euro­päischen Osten an­hand seiner Ge­schichte von Lagern und Be­stra­fung als ein Labo­ratorium der Ge­walt zu analysieren.
Und nicht zuletzt war und bleibt der Osten ein realer gesellschaftlicher und kultu­reller Raum mit eigen­ständigen Ent­wicklun­gen und Pro­blemen, die einen nicht­westlichen, d.h. nicht ver­zerrten Blick verdienen.
Ausgehend von möglichen Zeitdiagnosen soll das forum jene Entwicklungen aus­loten, aus denen die ver­schie­densten Vor­stel­lungen eines ‚Ostens’ her­vor­gehen; sie sollen nach­voll­zogen, bis in die Gegen­wart hin­ein und nicht zu­letzt bis zu Pro­gnosen oder Zu­kunfts­ent­würfen weiter­verfolgt werden. Auf diese Weise soll die Viel­schichtig­keit und der mit dieser ver­bundene Ge­halt des ‚Ostens’ er­gründet werden. Denn klar ist, dass mit dem ‚Osten’ nicht nur auf eine geo­graphische Kate­gorie Be­zug genommen wird, sondern viel­mehr zeit­liche wie stand­ort­ge­bundene kultu­relle, soziale und poli­tische Be­dingungen von Be­deutung sind und da­mit eben immer auch eine zivili­sa­tions­histo­rische, kultur- oder men­tali­täts­geschicht­liche Dimen­sion an­ge­sprochen ist.



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